Offener Brief an Bürgermeister, Waldbesitzer, Planungsverbände und Windkraftbetreiber

März 2026
An
Alle Bürgermeister, Gemeinderäte, Waldbesitzer, Planungsverbände
und Betreiberfirmen, die Windkraftanlagen in deutschen Wäldern
planen, befürworten oder dulden.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns heute an Sie – nicht mit einer Petition, nicht mit einer Unterschriftenliste, nicht mit dem üblichen Schreiben, das man liest, abheftet und vergisst. Wir wenden uns an Sie mit einer Frage, die wir Ihnen direkt, persönlich und ohne diplomatische Umschreibung stellen möchten: Was genau rechtfertigt es, unsere Wälder für Windräder zu opfern, deren wirtschaftliche Grundlage längst weggefallen ist?

Wir sind Bürgerinnen und Bürger. Wir wohnen in den Gemeinden, in denen Sie Entscheidungen treffen. Wir bezahlen mit unseren Steuern die Fördergelder, mit denen Windparkbetreiber über Jahrzehnte alimentiert wurden. Und wir gehen in die Wälder, die Sie gerade dabei sind, unwiederbringlich zu zerstören. Wir kennen diese Wälder. Wir kennen die Bäume, die Wege, das Licht zwischen den Stämmen am frühen Morgen. Und wir werden nicht schweigen, während man uns erzählt, das alles sei ein notwendiges Opfer für die Energiewende.

An die Bürgermeister und Gemeinderäte

Sie wurden gewählt, um Ihre Gemeinde zu vertreten. Nicht die Interessen von Projektentwicklern, die mit fertig gezeichneten Plänen in Ihre Büros kommen. Nicht die Interessen von Fonds, die Rendite suchen und dafür Windräder in Schwachwindgebiete stellen wollen, in denen sie sich nach allen aktuellen Marktdaten schlicht nicht rechnen.

Wir wissen, dass Sie unter Druck stehen. Wir wissen, dass Flächenziele von oben vorgegeben werden, dass Bundesgesetze Genehmigungsverfahren beschleunigen sollen, dass Ihnen mancherorts gesagt wird, Sie hätten gar keine Wahl. Doch Sie haben eine Wahl. Sie haben die Pflicht, genau hinzuschauen. Sie haben die Pflicht, Zahlen zu prüfen – und nicht einfach zu unterschreiben, was man Ihnen vorlegt.

Haben Sie die aktuellen Ausschreibungsergebnisse der Bundesnetzagentur gesehen? Wissen Sie, dass der anzulegende Wert für Windstrom von 11,39 Cent auf 9,39 Cent pro Kilowattstunde gefallen ist – ein Einbruch von 18 Prozent? Wissen Sie, dass im vergangenen Jahr 652 Stunden Negativstrompreise registriert wurden, in denen Windkraftbetreiber keine EEG-Förderung mehr erhalten? Wissen Sie, was das für die Rentabilität der Projekte bedeutet, die man Ihnen gerade zur Genehmigung vorlegt?

Falls Sie das nicht wissen: Das ist ein Problem. Denn es bedeutet, dass die Kalkulationen, die Ihnen Projektentwickler präsentieren, auf Annahmen beruhen, die der Markt längst widerlegt hat. Wenn der Betreiber in die Insolvenz geht, bleibt der Betonsockel im Waldboden. Der Rückbau bleibt am Ende an der Gemeinde hängen. An Ihnen. An uns. Fordern Sie unabhängige Gutachten. Fragen Sie, was passiert, wenn der Betreiber in zehn Jahren nicht mehr existiert. Wenn Sie keine zufriedenstellende Antwort bekommen, dann ist das Ihre Antwort.

An die Waldbesitzer

Wir verstehen Sie. Wirklich. Wer einen Wald besitzt, kennt auch die Last, die damit verbunden ist. Pflegekosten, Borkenkäfer, Sturmschäden, sinkende Holzpreise. Und dann kommt jemand und bietet Ihnen eine Pacht, die verlässlicher klingt als alles, was der Forst in den letzten Jahren eingebracht hat. Das ist verlockend. Das wäre es für jeden.

Aber wir bitten Sie: Lesen Sie den Vertrag. Den ganzen Vertrag. Lassen Sie ihn von einem unabhängigen Anwalt prüfen, der keinerlei Verbindung zur Windkraftbranche hat. Schauen Sie genau hin, was in den Klauseln zur Rückbauverpflichtung steht – und wer am Ende haftet, wenn das Geld dafür nicht da ist. Das Risiko, das Sie eingehen, ist real. Der Windparkentwickler Abo Energy – seit 1996 am Markt, einer der etabliertesten der Branche – hat im vergangenen Jahr erstmals in seiner Geschichte einen Jahresverlust eingefahren: 170 Millionen Euro. Was das für kleinere Betreiber bedeutet, muss man nicht lange erklären.

Ihr Wald ist mehr wert als eine Pacht, die in einem insolventen Windparkprojekt endet. Ihr Wald ist das Kapital Ihrer Familie, vielleicht über Generationen. Er wächst langsam. Was man in ihm baut, zerstört ihn schnell. Und was zerstört ist, kommt nicht zurück – nicht in Ihrer Lebenszeit, nicht in der Ihrer Kinder.

An die Planungsverbände und Regionalplaner

Sie haben eine technische, eine planerische Aufgabe. Wir respektieren das. Aber Planung bedeutet, die Realität zu berücksichtigen – und die Realität hat sich verändert. Schwachwindgebiete in Bayern und Baden-Württemberg liefern nicht die Erträge, die in den Planungsunterlagen stehen. Das ist keine politische Meinung. Das sind Physik und Finanzmathematik. Eine Windgeschwindigkeit von 5,24 Metern pro Sekunde reicht schlicht nicht aus, um ein wirtschaftlich tragfähiges Windkraftprojekt zu betreiben.

Wir fragen Sie: Welchen Sinn hat es, Flächen für Windkraftanlagen auszuweisen, die sich nach allen verfügbaren Daten nicht rechnen werden – und dafür Waldflächen zu opfern, die ökologisch, klimatisch und gesellschaftlich von unschätzbarem Wert sind?

Ein Wald bindet CO₂, kühlt seine Umgebung, filtert das Grundwasser, schützt vor Erosion und bietet Lebensraum für hunderte Tier- und Pflanzenarten. Ein Windrad in einem Schwachwindgebiet produziert in einem Drittel der Zeit gar keinen Strom – und rechtfertigt dafür den dauerhaften Verlust dieser Ökosystemleistungen. Das ist keine seriöse Abwägung. Das ist Symbolpolitik auf Kosten der Natur.

An die Projektentwickler und Betreiberfirmen

Mit Ihnen wollen wir besonders direkt sprechen. Denn bei Ihnen beginnt und endet die Kette, um die es hier geht. Sie präsentieren Bürgermeistern Hochglanzfolien mit Versorgungszahlen, die jeder Ingenieur als irreführend bezeichnen würde. Sie beauftragen Windgutachten bei Büros, die erfahrungsgemäß eher im oberen Bereich der Wahrscheinlichkeitsspanne rechnen. Sie legen Investoren Verkaufsprospekte vor, in denen auf Seite 16 in kleiner Schrift steht, dass ein Totalverlust bis hin zur Privatinsolvenz möglich ist – und auf Seite 2 steht die schöne Grafik mit den stabilen Erträgen.

Wir fordern Sie auf: Rechnen Sie ehrlich. Stellen Sie vollständige, ungeschönte Wirtschaftlichkeitsberechnungen zur Verfügung – nicht nur für Ihre Investoren, sondern auch für die Gemeinden und Grundstückseigentümer, mit deren Ressourcen Sie Ihre Projekte umsetzen. Wenn Sie das nicht tun, tun wir es. Wir werden die Zahlen öffentlich machen.

Sie gehen in die Wälder – unsere Wälder – und fällen Bäume, die älter sind als Ihr Unternehmen. Sie gießen Betonfundamente, die tiefer reichen als jede Rückbaurücklage, die Sie angelegt haben. Wenn das Projekt scheitert, sind Sie weg. Das Fundament bleibt. Der zerstörte Wald bleibt. Die Gemeinde bleibt. Und wir bleiben.

Was wir fordern

Wir sind keine Fortschrittsfeinde. Wir wissen, dass die Energieversorgung sich verändern muss. Aber ein Kompromiss bedeutet, dass beide Seiten etwas geben – nicht, dass Natur, Steuerzahler und Gemeinwohl geben, während Projektentwickler nehmen.

Wir fordern transparente und vollständige Wirtschaftlichkeitsberechnungen für jedes geplante Windkraftprojekt, geprüft durch unabhängige Stellen ohne Verbindung zur Windkraftbranche. Wir fordern verbindliche, ausreichend finanzierte Rückbaubürgschaften, die nicht vom wirtschaftlichen Fortbestand des Betreibers abhängen. Wir fordern ein vollständiges Moratorium für Windkraftanlagen in bewirtschafteten und natürlichen Wäldern, solange keine belastbaren Alternativstandorte auf bereits versiegelten Flächen erschlossen wurden. Und wir fordern echte Beteiligung der betroffenen Bevölkerung – nicht die Scheinbeteiligung einer Infoveranstaltung, auf der alles längst entschieden ist.

Eine letzte Bitte

Wir schreiben diesen Brief nicht aus Wut, auch wenn die Wut da ist. Wir schreiben ihn aus Verantwortung. Wir bitten Sie: Gehen Sie in diesen Wald, bevor Sie unterschreiben. Nicht mit dem Gutachter, nicht mit dem Projektierer. Allein. Hören Sie, wie es dort klingt. Und fragen Sie sich dann, ob das, was Sie planen, wirklich unausweichlich ist.

Wir wissen: Die Zahlen stimmen nicht. Die Entscheidung ist nicht unausweichlich. Und der Wald ist es wert, ihn zu retten.


Mit freundlichen, aber unmissverständlichen Grüßen,

Offener Brief
Bürgerinitiative Pro Natur – Gegen Windräder im Wald
Für den Schutz unserer Wälder und eine ehrliche Energiepolitik · März 2025

Dieser offene Brief darf geteilt, zitiert und weitergeleitet werden.



„Jetzt red i“ in Atting: Viel Meinung, wenig Substanz

Ein Kommentar der BI-Pro Natur

Wer die BR-Sendung „Jetzt red i“ aus Atting verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass zentrale Zusammenhänge nur unvollständig dargestellt wurden. Gerade bei einem Thema wie der Energiepolitik ist jedoch eine ehrliche und vollständige Betrachtung entscheidend.


Arbeitsplätze: Wachstum hier – Abbau dort

Josef Gold betonte, die Erneuerbaren hätten in den letzten drei Jahren 100.000 Arbeitsplätze geschaffen. Diese Zahl steht erstmal im Raum – doch sie beschreibt nur einen Ausschnitt der Realität.

Gleichzeitig verliert die deutsche Industrie massiv an Substanz. Schätzungen zufolge sind 2025 hier rund 124.000 Arbeitsplätze weggefallen, insbesondere im Automobil- und Metallsektor. Diese Entwicklung bleibt in der Erfolgserzählung unerwähnt.

Wer ausschließlich den Zuwachs in einer stark staatlich geförderten Branche hervorhebt, während energieintensive Kernindustrien unter Kostendruck geraten oder Standorte verlagern, zeichnet ein unvollständiges Bild. Es entsteht der Eindruck, dass Daten selektiv präsentiert werden – so, dass sie die eigene Argumentation stützen, während strukturelle Gegenentwicklungen ausgeblendet bleiben.

Eine seriöse Debatte müsste beide Seiten der Medaille beleuchten: die neu entstehenden Arbeitsplätze ebenso wie die Verluste in traditionellen Industriezweigen – und vor allem die Frage, ob hier eine nachhaltige Wertschöpfung entsteht oder lediglich eine Verschiebung unter veränderten Rahmenbedingungen.


Strompreise: Gesunken – aber warum?

Es wurde von Gold auch betont, Deutschland habe nicht mehr die höchsten Strompreise Europas und inzwischen lägen zehn andere Länder darüber.

Was dabei kaum Erwähnung fand: Die EEG-Umlage, die über Jahre maßgeblich zur Höhe der Strompreise beitrug, wird heute nicht mehr über die Stromrechnung, sondern aus Steuermitteln finanziert. Die Belastung verschwindet damit nicht – sie wird lediglich anders verteilt.

Gleichzeitig sind andere Länder durch CO₂-Bepreisung ihrer Kohlekraftwerke zusätzlich belastet. Eine im politischen Rahmen veränderte Preisstruktur in Europa als nationalen Erfolg darzustellen, greift daher zu kurz.

Auch hier zeigt sich ein Muster: Einzelne Kennzahlen werden hervorgehoben, während systemische Zusammenhänge – Finanzierung, Umlagen, Netzstabilisierung – nur am Rande vorkommen. Das Ergebnis ist eine halbe Wahrheit, die sich gut präsentieren lässt, aber nicht das vollständige Bild abbildet.


Der Preis der Versorgungssicherheit

Wind- und Solarstrom sind in der Erzeugung günstig – doch sie liefern nicht kontinuierlich. Deshalb braucht es Backup-Kraftwerke, Netzausbau und Speicherlösungen.

Zur Stabilisierung der Netzentgelte werden für 2026 staatliche Mittel in Höhe von 6,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Ohne diese Zuschüsse würden die Netzkosten deutlich steigen. Der Strom mag an der Quelle preiswert sein – die Systemkosten sind es nicht.

Eine ehrliche Kostenbilanz müsste Erzeugung, Netzausbau, Reservekapazitäten und staatliche Zuschüsse gemeinsam betrachten.


Vom Waldschützer zum Ausbau-Beschleuniger?

Besonders auffällig war die veränderte Tonlage bei Hubert Aiwanger. Noch vor wenigen Jahren stand er öffentlich für den Schutz bayerischer Wälder und verteidigte die 10H-Regelung als Schutzinstrument für Mensch und Natur. Heute tritt er als Befürworter eines beschleunigten Ausbaus auf – auch in sensiblen Waldregionen.

Politische Positionen dürfen sich ändern. Doch eine solche Kursverschiebung wirft Fragen auf. Was hat sich in der Bewertung grundlegend verändert? Welche neuen Erkenntnisse rechtfertigen eine Abkehr von früher vertretenen Grundsätzen? Und weshalb wird der Ausbau nun als alternativlos dargestellt, wo zuvor Zurückhaltung gefordert wurde?

Wer politische Verantwortung trägt, sollte Richtungswechsel nachvollziehbar begründen. Gerade beim Thema Waldschutz erwarten viele Bürgerinnen und Bürger Kontinuität – oder zumindest eine transparente Erklärung für den Wandel.


Verschobene Maßstäbe – vom Kompromiss zur Ausweitung

Die Entwicklung bei den Kolleginnen und Kollegen der EjUn verdeutlicht, wie sich Debatten im Laufe der Zeit verschieben können – ohne dass dies hier bewertet werden soll.

Zu Beginn der Diskussion wurden zwei bis drei Windräder als „vertretbarer Kompromiss“ bezeichnet. Inzwischen ist in öffentlichen Aussagen von rund zehn Anlagen die Rede, die man mittragen wolle. Diese Veränderung wirft Fragen auf: Wenn anfangs wenige Anlagen als obere Grenze definiert wurden, wie kommt es zu einer derart deutlichen Ausweitung innerhalb relativ kurzer Zeit?

Es entsteht der Eindruck, dass durch zunehmende Kompromissbereitschaft versucht wird, Einfluss zu behalten oder als konstruktiver Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Doch erfahrungsgemäß führt diese Strategie selten dazu, dass Ausbaupläne tatsächlich kleiner werden. Häufig verschiebt sich vielmehr der Ausgangspunkt der Debatte – und mit ihm die Akzeptanzgrenze.

Genau hier liegt das Problem: Wer einmal signalisiert, dass eine bestimmte Zahl „vertretbar“ sei, öffnet die Tür für weitere Forderungen. Aus drei werden fünf, aus fünf werden zehn. Die Diskussion verlagert sich Schritt für Schritt – ohne dass die grundlegende Frage neu gestellt wird.

Wir haben uns bewusst für einen anderen Weg entschieden. Unsere Position ist klar und bleibt klar: In unseren windschwachen Regionen stehen Nutzen und Eingriff in keinem angemessenen Verhältnis. Deshalb halten wir weder drei noch zehn Anlagen für sinnvoll.

Standhaftigkeit mag weniger kompromissbereit wirken – sie schafft jedoch Transparenz und Verlässlichkeit. Und genau das erwarten wir auch in dieser Debatte.


Schlusswort

Die Energiewende braucht Transparenz, belastbare Zahlen und eine vollständige Betrachtung aller Kosten und Folgen. Was sie nicht braucht, sind selektive Darstellungen oder politisch motivierte Verkürzungen.

Wir bleiben bei unserer Linie – sachlich, kritisch und unabhängig.

Eure BI-Pro Natur

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Förster (77) spricht Klartext Klimaschutz gegen Waldschutz und die Verantwortung im Bayerischen Wald